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IPA Institute for Political Analysis Prof. Dr. Volker von Prittwitz
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Zu Hans Magnus Enzensberger: "Schreckensmänner”... 16.01.15 12:26; Nicht mehr verfügbar, deshalb Text siehe unten
Hans Magnus Enzensberger: "Schreckens Männer" Zum Wiederlesen empfohlen (Frank Dietschreit, kulturradio) Nach    den    blutigen    Terror-Anschlägen    von    Paris    ist    das Entsetzen    groß.    Neben    Wut    und    Trauer    kommen    aber auch   all   die   bohrenden   Fragen   wieder   ans   Tageslicht,   die seit den Attacken   des   11.   September   immer   wieder   gestellt   werden: Warum   ziehen   junge   Männer   –   denn   es   sind   ja   vor   allem junge    Männer!    –    in    den    so    genannten    Heiligen    Krieg? Warum ist den   islamistischen   Terroristen   weder   ihr   eigenes   noch   das Leben   ihrer   Mitmenschen   etwas   wert?   Und   welche   Rolle spielt      der      Islam,      deren      Vertreter      immer      wieder gebetsmühlenartig beteuern,   die   Terroristen   würden   ihre   an   sich   friedliebende Religion in den Schmutz ziehen? Um   solche   und   ähnliche   Fragen   zu   beantworten,   lohnt   ein Blick    in    den    Bücherschrank.    Dort    findet    man    den    von Hans      Magnus      Enzensberger      schon      im      Jahr      2006 veröffentlichten Essay Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer . Für    Enzensberger    ist    der    islamistische    Terrorist    nur    eine gefährliche   Variante   jener   Schreckensmänner,   die   wir   als Amokläufer   kennen:   Auch   der   Familienvater,   der   plötzlich zur Waffe   greift   und   erst   seine   Familie   auslöscht   und   dann   sich selbst    umbringt;    auch    der    Schüler,    der    noch    schnell möglichst    viele    Lehrer    und    Mitschüler    ermorden    will, bevor er im Kugelhagel   der   Polizei   endlich   die   Erfüllung   seines   eigenen Todeswunsches      findet,      sind      Schreckensmänner      und zugleich   radikale   Verlierer.   Es   sind   Männer,   die   mit   ihrem Bedeutungs-      und      Machtverlust      in      der      egalitären Gesellschaft    nicht    klar    kommen;    Männer,    die    extrem dünnhäutig    und    notorisch    beleidigt    sind;    Männer,    die glauben,   sie   seien   zu   kurz   gekommen;   Männer,   die   auf   die Gefühle    anderer    keine    Rücksicht    nehmen,    denen    aber ihre   eigenen   Gefühle   heilig   sind;   Männer,   die   sich   stets   als Opfer verstehen und anderen – den Lehrern,    den    Eltern,    dem    Kapitalismus,    den    Amerikanern, den    Juden    –    die    Schuld    für    ihre    oft    nur    eingebildete Misere   geben;   Männer,   die   den   Respekt,   den   sie   für   sich einfordern, anderen verwehren;   Männer,   die   einen   Sündenbock   für   ihr   eigenes Versagen   suchen   und   ihrem   Todestrieb   huldigen,   indem sie   ein   Ende   mit   Schrecken   einem   Schrecken   ohne   Ende vorziehen. Eine unschlagbare Verbindung Der   gefährliche   Unterschied   zwischen   dem   Mann,   der   zum Mörder   wird,   weil   er   seinen   ungerechten   Vorgesetzten, seine    widerspenstige    Ehefrau,    seine    lärmenden    Kinder oder   seinen   bösen   Nachbarn   nicht   mehr   ertragen   kann, und   dem   Mann,   der   im   Namen   Allahs   zum   Massenmörder wird,    liegt    darin,    dass    der    islamistische    Terrorist    seine Isolation     überwindet,     dass     er     eine     Verlierer-Heimat findet,      von      der      er      Verständnis      und      Anerkennung bekommt;    dass    die    ideologischen    Verblendungen    und religiösen   Aufputschmittel,   die   ihm   verabreicht   werden, seine      destruktive      Energie      potenzieren;      dass      sein Todeswunsch    und    sein    Größenwahn    eine    unschlagbare Verbindung    eingehen.    Der    radikale    Verlierer,    der    zum radikalen    Terroristen    wird,    kennt    keine    Konfliktlösung und      keinen      Kompromiss:      Jeder,      der      seine      nicht verhandelbaren   Ziele   leugnet,   ist   sein   Feind;   jeder,   der sich    ihm    nicht    unterwirft,    ist    des    Todes.    Er    verschont niemanden,   und   wenn   das   Kollektiv,   in   dessen   Namen   er tötet, nicht    siegen    kann,    dann    hat    es    auch    nicht    verdient,    zu überleben    und    muss    untergehen:    Der    Weg    von    Hitlers "Drittem   Reich"   zum   "Islamischen   Staat"   ist   mithin   nicht weit. Der      Islamismus      kann      so      viele      "radikale      Verlierer" mobilisieren,   weil   es   ihm   gelingt,   religiöse,   politische   und soziale   Beweggründe   zu   vereinen,   weil   er   Abschied   vom strikten       Zentralismus       früherer       politischer       Banden genommen      hat      und      ein      flexibles,      internationales Netzwerk   aufgebaut   hat.   Doch   auch   wenn   die   Islamisten den    Koran    predigen    und    sich    als    Hüter    der    Tradition aufspielen,    sind    sie    doch    ganz    und    gar    Geschöpfe    der globalisierten   Welt,   die   sie   doch   eigentlich   bekämpfen. Ob   Fernsehen,   Computertechnik,   Mobiltelefon,   Internet:
Die      islamistischen      Terroristen      nutzen      die Errungenschaften   des   verhassten   Westens,   um ihre   Massaker   medienwirksam   zu   inszenieren, zu   verbreiten   und   neue   Kämpfer   zu   rekrutieren. Aber        alle        Erzeugnisse        der        westlichen Hochtechnologie        –        Telefon,        Computer, Kühlschrank,    Auto    usw.    –    stellen    für    jeden Araber   eine   stumme   Demütigung   dar:   Denn   sie erinnern     ihn     an     seinen     Verliererstatus     und daran,    dass    die    Araber    in    den    letzten    400 Jahren    keine    einzige    nennenswerte    Erfindung hervorgebracht        haben        und        selbst        die parasitären    Ölstaaten    ohne    westliche    Technik nicht     in     der     Lage     wären,     ihre     Ressourcen auszubeuten und Reichtümer anzuhäufen. Die   Abhängigkeit   von   der   Technik   des   verhassten Westens   kollidiert   aber   frontal   mit   dem   religiös gepflegten    Selbstbild    des    Islam,    wonach    eine höhere    Macht    den    Muslimen    die    Herrschaft über    alle    anderen    Gesellschaften    zugesichert hat:   "Ihr   seid   die   beste   Gemeinde,   die   je   unter Menschen   entstanden   ist",   heißt   es   im   Koran (3,111),      der      ihnen      auch      gebietet,      ihre angebliche         Überlegenheit         mit         Gewalt durchzusetzen,   wenn   es   heißt:   "Bekämpft   die Schriftbesitzer,     die     sich     nicht     zur     wahren Religion    bekennen    (gemeint    sind    damit    die Juden   und   die   Christen),   so   lange,   bis   sie   sich unterwerfen      und      ihren      Tribut      entrichten" (9,29). Eskalation des Schreckens Enzensberger   glaubt,   dass   der   islamistische   Terror, die   islamische   Gesellschaft   und   die   islamische Religion    nicht    voneinander    zu    trennen    sind. Denn   es   ist   nicht   von   der   Hand   zu   weisen:   Ob Lebenserwartung   oder   Schulbildung,   politische Freiheit    oder    die    Situation    der    Frauen    –    auf allen   Gebieten   gibt   es   schwerwiegende   Defizite in    den    islamischen    Länder.    Doch    wer    –    aus religiösen    Gründen    –    Mädchen    die    Bildung verwehrt       und       Frauen       unterdrückt,       wer Wissenschaftler   aus   dem   Land   treibt   und   weder Meinungs-    noch    Religionsfreiheit    kennt,    wird den       Niedergang       der       Gesellschaft       nicht aufhalten.      Wenn      dann      aber      der      religiös fundierte   Glaube   an   die   eigene   Überlegenheit mit     der     unübersehbaren     eigenen     Schwäche kollidiert,     führt     das     zu     einer     narzisstischen Kränkung,                  zu                  Kompensationen, Schuldzuweisungen, Verschwörungstheorien,         zur         Suche         nach Sündenböcken,             Rachebedürfnis             und Männlichkeitswahn,      zu      einer      Fusion      von Zerstörung         und         Selbstzerstörung,         zum zwanghaften Wunsch,   durch   die   Eskalation   des   Schreckens   Herr über    das    Leben    der    anderen    und    über    den eigenen Tod zu werden. Während   der   Amokläufer   nur   eine   Pistole   oder   ein Küchenmesser        hat,        genießt        aber        der Gotteskrieger,   der   von   seiner   Religion   meist   nur rudimentäre      Kenntnisse      hat,      eine      solide militärische      Ausbildung.      "Dass      es      ihnen gelingen   könnte,   ihren   Todeskult   grenzenlos   zu verallgemeinern    und    zu    verewigen,    ist    nicht wahrscheinlich",   meint   Enzensberger.   Doch   so lange    die    islamischen    Gesellschaften    und    die islamische     Religion     sich     nicht     reformieren, werden     wir     uns     wohl     an     den     Terror     des radikalen    islamistischen    Verlierers    gewöhnen und damit leben müssen. Mehr Infos zum Thema Hans   Magnus   Enzensberger:   "Schreckens   Männer. Versuch über den radikalen Verlierer."